Gott in vier Wänden

Im Gespräch über die Erfahrung Gottes in den aktuellen Corona-Zeiten sagte mir ein Patient in der Klinik, es werde ihm derzeit bewusst, dass Gott größer ist als alles Denkbare und dass der Glaube an Gott mehr ist als allein der Besuch eines Gottesdienstes in einer Kirche. Ich bin sicher, dass viele Menschen diesem Empfinden, diesem Gedanken, dieser Erfahrung zustimmen werden. Während des gemeinsamen Diskutierens erinnerte ich mich an ein Sprichwort, das aus Frankreich stammen soll. Es lautet: „Eine Kirche ist Gott in vier Wänden.“

Spannend, sich Gedanken darüber zu machen, wo wir Gott suchen, wo wir Gott erfahren, wo wir Gott finden und wie wir unseren Glauben an Gott leben und gestalten. Sperren wir Gott in vier Wände, in Gesetze, Vorschriften oder Gebote ein?

Wer Gott sucht, will ihn finden. Ein kranker Mensch wird sich anders auf die Suche machen als ein gesunder. Eine Familie mit kleinen Kindern wird Gott anders erfahren als ein alleinlebender Mensch. Ein junger Mensch am Beginn einer Ausbildung wird andere Wege einschlagen als ein älterer Mensch am Beginn des Ruhestandes oder ein sterbender Mensch am Ende seines Lebens.

Es sei im Grunde egal, wie viele unterschiedliche Angebote die Kirchen zur Gottsuche, zum Glauben, zu Gemeinschaft, zum Trost, zur Lebensunterstützung und zum Feiern in Gottesdiensten und Festen machen, erfuhr ich im Gespräch. Entscheidend sei für ihn, so sagte mir der Patient, dass er selber mit seinen Erfahrungen und seinem Fragen ernst genommen werde, dass man ihn als erwachsenen Menschen behandle, der selber denken könne. Jetzt hier in der Klinik, aber auch wieder zu Hause und in seiner Firma. Er sei es leid, häufig nur Vorschriften und Gebote zu bekommen. Beruflich müsse manches sein, aber im Privatleben wolle er frei sein. Und Angebote statt Vorschriften zu bekommen, sei doch schöner. Es war ein spannendes, tiefgehendes und anregendes Gespräch. Ganz am Schluss bat mich mein Gesprächspartner: „Machen Sie mir doch jetzt noch ein Angebot, Herr Walter!“ Kurz rätselte ich, ob wir zu viel über Gebote und Vorschriften und zu wenig über Angebote gesprochen hatten. Eigentlich neige ich nicht dazu, sondern ermutige zu Freiheit und selbstbestimmten Entscheidungen im Leben. Spontan bot ich an, uns zu einem Kaffee in der Stadt zu treffen, wenn er wieder gesund wäre und Corona es zuließe. Mich würde dann interessieren, von ihm zu hören, wo und ob er Gott gefunden habe. Er zwinkerte mir zu: „Das tun wir.“ Ich freue mich darauf!

 

Johannes Walter - Klinikseelsorger und Pastoralreferent